[ HOME ]        [ ZURÜCK ]
   
   
 

IM BÖHMERWALD:

 

A: „Und da sagen die Nutten den Soziologen und Journalisten immer, dass sie eigentlich großen Spaß an ihrer Arbeit hätten. Also, wenn ich mir vorstelle, ich hätte so einen HIESL im Bett…“.

B: „Was bitte ist ein HIESL...?“

ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo

 

Er dachte gerade intensiv an Stifter, als sein Gönner B.Gurkfelder mit der Prostituierten gebückt schleichend im Wald verschwand.

Die Nacht vorher war absurd und rauschhaft gewesen: Zuerst hatte man in diesem Dorfwirtshaus mit den Eingeborenen Unmengen Bier und Rum getrunken, noch um 3h in der Früh hatte diese völlig besoffene, blonde Tschechin permanent kichernd auf dem Tisch getanzt. Um 4h in der Früh stand sie schon wieder in ihre weiße Uniform gekleidet voll Disziplin im großen Kuhstall des Kombinates und schaufelte gemeinsam mit anderen den Kehricht in das moderne Förderband hinein.

Gurkfelder hatte es sich nicht nehmen lassen, sie zu begleiten. Alles war noch dunkel und kalt. Es war schon Mitte Oktober.

Sodann trat die ca. 2 Meter(!) große, feiste Chefin mit ihren roten, fetten Haaren an ihn heran, und fragte ihn, was er da suche. Er gab sich spontan als „Agrarspezialist der Universität Salzburg“ aus. Seinen Freund stellte er als seinen „Assistenten“ vor. Dies fiel ihm eben gerade so ein. Und er war wahrlich ein echter Meister in dieser „Kunst des Rausch-Verbergens“. „Höchste Konzentrationsfähigkeit“, so hatte Gurkfelder immer wieder gesagt, sei die absolute Voraussetzung hierfür.

So gab diese Chefin einen forschen Wink und eine Arbeiterin, deren weißer Kittel noch nicht völlig mit Rinder-Scheiße beschmiert war, kam zu Gurkfelder, um seine Fragen zu beantworten. Sie sprach einigermaßen gut deutsch. Dabei hielt sie ihre Schaufel voll proletarischer Würde, fast so, wie ein Soldat der „Alten Roten Armee“ sein Gewehr.

Der um wirklich keinen – auch noch so blöden - Witz verlegene Gurkfelder interessierte sich zunächst - natürlich nur performativ(!) - für dieses Förderband und dann noch dafür, ob all‘ diese Kühe – welche mit ihren riesenhaften, angsteinflößenden Körpern in der Halle teils ziellos herumstapften – noch per Hand gemolken würden.

Die knappe und kurze Antwort: Melken schon lange vor „1989“ automatisch, auch Förderband schon lange vor „1989“ vorhanden.

Gurkfelder nickte freundlich, erhob dann ganz kurz die Hand zum Abschied, winkte auch noch der Chefin zu, welche dieses Winken jedoch nicht erwiderte.

„Hauen wir lieber ab, bevor uns die noch in die Finger kriegt“, sagte er zum Freund spitzbübisch und man entfernte sich. An der Zapfsäule vor dem Kombinat eine ganze Schlange von ratternden, alten Traktoren. Darin ganz einfach Arbeiter. Noch immer.

Im Dorfwirtshaus, wo die Eingeborenen längst mit agonal-irrem Blick tschechische Volkslieder brummten, konnte man sich in der Küche ein wenig hinlegen und dösen.

Er hatte sich mit dem Trinken stets etwas zurückgehalten, musste er seinen Gönner doch nach Tagesanbruch mit dessen Rotem BMW in der Gegend herumchauffieren.

Gurkfelder war zwar ziemlich betrunken gewesen, erwachte dann jedoch überraschenderweise als erster(!) und trieb den noch verschlafenen Chauffeur sofort zum Roten BMW hin. Dort im Handschuhfach eine zuvor hinterlegte, kleine Flasche Original-Coca-Cola, aus der er sodann einen großen Schluck nahm. Dann ein komischer, immer wieder durch Trinken unterbrochener Monolog über die „Vorteile der USA“. Schließlich fehlte die „Letzte große Pointe dieses Geredes“.

Zuerst ging es nach Kaplitz zum Frühschoppen. Gurkfelder bestellte einen doppelten Becherovka und gab sich dabei vor der – ohnehin längst grinsenden - Kellnerin als „magenkrank“ aus. Dazu bestellte er ein Bier für den Chauffeur. Beides trank er in schnellster Zeit aus. Dieser Vorgang wiederholte sich noch zweimal.

Schon wieder völlig betrunken, aber dennoch diese typisch Gurkfelderische Kontenance(!) bewahrend, sagte Gurkfelder zur grinsenden Kellnerin, dass so ein Becherovka nach dem vielen Rum der Nacht dem Magen sehr gut getan habe.

Während man sich bisher nur in der „Böhmerwald-Region“ aufgehalten hatte, so ging es nun in den Echten Böhmerwald hinein, d.h. zu den Frauen hin.

Während der Fahrt hob Gurkfelder – nun ungut lallend - immer und immer wieder die „Billigkeit“ der tschechischen Gastronomie im Gegensatz zur „Österreichischen Gastronomie“ hervor.

Gurkfelder bemerkte während seines Geredes gar nicht, dass man inzwischen schon an einer ganzen Reihe von Frauen vorbeigefahren war. Doch dann fiel ganz plötzlich seine Entscheidung: „Anhalten!“ Und man hielt vor einer krauselhaarigen Frau an, die sich – so stellte sich später heraus – „Hanka“ nannte und gerade mit dem Pilzverkäufer am Straßenrand eine gemütliche Zigarette rauchte. Sie hatte dieses spezielle dunkle Krauselhaar, von Natur aus gewachsen. Keine Chemie hätte das hervorbringen können.

Offenbar machte sie gerade Pause, denn sie machte nicht dieses bestimmte Zeichen. Völlig verdutzt schaute sie auf den roten BMW und Gurkfelder stieg aus, während der Chauffeur regungslos sitzenblieb.

Der vom Alkohol geschwächte Gurkfelder wollte – wie er später erzählte - zunächst nur „ein wenig schauen“, doch an ihrem Lager im Wald angekommen, sagte sie ihm, dass er doch nicht dumm sein solle; schnell war der Kondom aus ihrer Damen-Tasche herausgezogen.

Als er sodann in sie eindrang, begann sie auf einmal an zuhause zu denken. Die Oma am Herd und ihr Kind am Küchenboden spielend.

Das knisternde Feuer und dann immer wieder dieser kreischende Ton, wenn die Oma die Ofentür abrupt zumachte. Das alte Haus, das alte Gemäuer, der stets überall vorhandene muffig-heimatliche Geruch, der in allen diesen Häusern der Gegend vorhanden war.

Dann wieder die Oma am Herd, die weiße Rahmsuppe im großen Topf umrührend. Eine Schale dieser heißen und frischen Rahmsuppe und dazu ein Stück eingebrocktes Weißbrot. Dem Kind von der Oma langsam und mit größter Vorsicht Löffel für Löffel eingegeben.

Sie finanzierte das alles letzten Endes. Somit konnte sie ihre Tätigkeit nur wie dieses ewige „Schuhband-Binden“ empfinden.

Anfangs hatte sie noch viel zu viel nachgedacht und hatte oft echte Angst. Als Kind hatte sie in der Schule immerzu Angst vor der „Schuhband-Binden-Prüfung“ gehabt.

Heute nichts mehr vorhanden. Keine Angst mehr. Nie wieder.

Als der nach Alkohol und Schweiß stinkende Gurkfelder fertig war, setzte sie einen freundlichen Blick auf und Gurkfelder lobte sodann – wie es halt so seine Art war – Farbe und Aussehen ihres üppigen Schamhaares.

Hanka kicherte dabei und wusste, dass der eine eben solche Schamhaare will, der andere wieder solche. Das sagte sie ihm auch einigermaßen direkt.

Der mittlerweile total geschwächte und entsprechend schwitzende Gurkfelder fühlte sich durch ihre Reaktion nicht so ganz von seinem geistigen Standort „abgeholt“ und er hat in seinem Leben nie etwas so gehasst wie diesen Zustand. Das bedeutete für ihn letzten Endes „Erniedrigung“.

Mit Größtem Witz hatte er sich bisher aus der Affäre gezogen. So auch jetzt:

„Das da unten ‚Beste Böhmerwald‘ der Welt“, sagte er frech grinsend und deutete mit ordinärer Geste auf ihren Unterleib. Dann lachte er kurz und performativ. So wie es diese alten Herren eben tun, die gewöhnlich in Parks Ärger machen.

Sie erinnerte sich dann daran, dass einmal ein Akademiker aus Linz bei ihr angehalten habe, und schließlich angesichts ihres üppigen Schamhaares sofort die Flucht angetreten habe.

Eben so einer von dieser Sorte „Sohn des Apollon“, dachte sie, die immerhin bis zur 3. Klasse Oberstufe im Kommunistengymnasium von Budweis gewesen war. Dann aber wurde ihr Vater aufgrund einer politisch-zweideutigen Aussage im Wirtshaus in den Kerker geworfen. Im Gegenzug war sie aus dem „Budweiser Kommunisten-Gymnasiums-Kerker“ aufs Land zurückgeworfen worden.

Ihr Vater hatte sich ganz kurz vor dem legendären „Zusammenbruch des Ostblocks“ selbst in der Zelle erhängt. Der entsprechende Strick war ihm – wie sich später herausstellte – von den Staats-Organen selbst gegeben worden.

Sein Direkt-Adressierter Abschiedsbrief wurde ihr dann erst zwei Jahre nach seinem Tod persönlich vom neuen, demokratischen Präsidenten zugesandt. So lange hätte die „Amtliche Recherche“ eben gedauert.

Er sei in einen Aktenordner schlampig beigelegt, also nicht einmal „amtlich besonders behandelt“ worden. Der neue, Demokratische Präsident erwähnte somit, dass es geradezu ein „Wunder“ sei, dass dieser „Abschiedsbrief“ nicht verlorengegangen sei:

In diesem Brief unterstich ihr Vater immer und immer wieder, wie sehr er doch immer „Überzeugter Kommunist“ gewesen sei und das Schicksal seiner Familie zutiefst betrauere. Er könne mit dem Zustand, den schließlich er(!) ausgelöst habe, nicht leben“.

Am Ende blieben nur die Mutter, die Oma, Haus und Körper. Die Mutter starb - wie von den Ärzten mitgeteilt wurde- sodann bald aufgrund von „Totaler Erschöpfung“. Da war nichts mehr zu machen.

Auch der Mann, den sie dann heiratete – ein gelernter Schlosser aus Pisek - hatte ihr Schamhaar stets hochgepriesen und ihr zunächst den Kosenamen „Mein Äffchen“ gegeben, bevor er ihr dann ganz andere Namen gab und sie am Ende fast totschlug.

Sie klopfte dem Gurkfelder sodann mit völliger Gelassenheit auf die Schulter, und sagte – zwinkernd„Du Bester Mann“. Er bezahlte.

Der Chauffeur, welcher noch immer gedanklich ganz tief versunken an den Stifter dachte, bemerkte plötzlich, dass ein tschechischer PKW am gegenüberliegenden Straßenrand anhielt und eine Familie stieg aus. Aus dem Kofferraum wurden dann an jedes Mitglied – insgesamt immerhin 6 Leute(!) - Körbchen und Stoffsäcke für die Pilzsuche ausgegeben. Und dann ging man – der Vater voran – schnurstracks in den Böhmerwald hinein.

Gerade in diesem Moment kam der Gurkfelder mit der Hanka aus dem Wald heraus. Er verabschiedete sich höchst schell, stieg dann in den Roten BMW ein und drängte seinen Chauffeur, nun noch weiter in den Böhmerwald einzudringen, um noch weitere Frauen kennenzulernen.

Gerade im diesem Moment, als der Rote BMW wegfuhr, zündete sich Hanka eine Zigarette an und kam auf den Gedanken, dass es gut sein würde, wenn die Oma heute Abend eine wirklich gute Pilzsuppe kochen würde…

 

 

Copyright: Elobert Stifter 2012.